Akademie-Vaihingen e.V.

Eva Kleber, Hermann Seiberth

veröffentlicht in der Zeitschrift ERZIEHUNGSKUNST, Heft 6 vom 15.02.2006

Strukturen im Wandel – Verständnis entwickeln Familien- und Organisationsaufstellungen

Die systemische Strukturaufstellung – ein Instrument für Waldorfschulen?

In der Akademie-Vaihingen wird seit 1998 ein um geisteswissenschaftliche Grundlagen erweiterter Ansatz der systemischen Familientherapie und Organisationsentwicklung praktiziert. Die Erweiterung besteht in einer dem modernen, wachen Selbstbewusstsein wesensgemäßen Aufstellungsform, verbunden mit rituellen Elementen. Im Mittelpunkt der anthroposophisch begründeten systemischen Aufstellungen steht die Unterstützung des bewussten Gewahrwerdens bislang unbewusster Verhaltensmuster mit dem Ziel der bewussten Veränderung. Der Aufstellungsarbeit wird häufig unterstellt, sie agiere unterhalb der Bewusstseinsschwelle, in einem magisch-mythischen Bewusstseinszustand. Das ist ein Missverständnis. Die Aufstellungsarbeit vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus fordert notwendig die Erweiterung um die Begriffsmuster des Ätherisch-Astralischen, von Reinkarnation und Karma, von Alltags-Ich, Höherem Ich und Doppelgänger, von Hierarchien und Liebekräften, von Wesenselementen der Organisation, von Licht- und Schattenkräften, vom Genius einer Organsiation. Das wachbewußte Ich ist angesprochen und aufgefordert zu erfahren: Anerkennen, was ist.[1]

Geprägte Form – die lebend sich entwickelt

Die vom Familiensystem erworbenen persönlichkeitsbildenden Prägungen wirken bereits über den Vererbungsstrom. „Wenn sich ein Mensch inkarniert, kommt er aus der devachanischen Welt herunter und bildet sich seine astralische Sphäre nach der Eigenart seiner Individualität. Dieser eigenen astralischen Sphäre mischt sich etwas bei aus dem, was den astralischen Leibern, den Trieben, Leidenschaften und Begierden der Eltern eigen ist, so dass dadurch der Mensch das mitbekommt, was seine Vorfahren erlebt haben“ (Rudolf Steiner, Vortrag vom 8.12.1908[2]). Zum Vererbungstrom hinzu tritt die Indoktrination des Sozialisationsgeschehens in Kindheit und Jugend.

Die in der Familie von Generation zu Generation weiter gegebenen seelischen Gewohnheitsgesten des Familiensystems werden dabei erlernt. Ganz unbewusst nimmt das Kind mit seiner Individualität die Gewohnheiten, Haltungen und Begründungen für die moralischen und religiösen Vorstellungen ntsprechend der ätherisch-astralischen Organisation der Familie in der Erziehung auf. Sie werden im physischen Leib und im Ätherleib eingeprägt. Diese Prägungen geben dem Kind und dem späteren Erwachsenen Sicherheit.

Die gebildeten Gewohnheiten werden zur selbstverständlichen Lebensgrundlage. Das Heraustreten aus solchen Prägungen verunsichert.

Wahrnehmen – Erkennen – Verändern

Immer wieder überrascht bei Aufstellungen das Ausmaß der verhaltensprägenden Anteile von generationsübergreifenden Gewohnheitsmusterndes Familien- oder Organisationssystems. In der Entwicklungspsychologie sind solche Prägungen, die kulturelle, volksmässige Muster einschließen, umfangreich belegt.[3] Ein erster Versuch, das in der Aufstellung Wirksame menschenkundlich zu begründen, findet sich bei Kleber/Seiberth 2002/2003. [4]

Das Erkennen der das Verhalten prägenden, im Unbewußten wirkenden Gewohnheiten ist die Grundlage für das bewusste Ergreifen und Erüben neuer, gewollter Verhaltensweisen. Durch die Aufstellungsarbeit entsteht liebevolles Verständnis für Gewohnheitsgesten, für Gegebenes, für das So-Sein des Menschenbruders, für die Eltern, für die Eigenart einer Individualität. Ein unmittelbares, spontanes Verstehen ereignet sich, befreit, verzeiht und lässt Lebendigkeit entstehen. Der reine Tor gerät ins Blickfeld, durch Mitleid wissend.

Wie bildet sich Verstehen?

Die Begegnung als Aufwacherlebnis (Athys Floride): das Anstoßen an den Gewohnheitsgesten des Kollegen oder des Kindes ist gewöhnlich Ursache von Konflikten. Im Aufstellungsgeschehen werden wir wie das ganz kleine Kind, das sich in eine Familie hineinstellt. In der Aufstellung „stellt“ sich der Stellvertreter ebenso unbefangen, jedoch im Gegensatz zum kleinen Kind nun mit Bewusstsein in das Kraftfeld eines sozialen Organismus und spricht das Erfahrene aus. Daran sind alle Sinne beteiligt. Unsere Sinne haben einen äußeren und einen inneren Aspekt. Tast-, Lebens- Bewegungs- und Gleichgewichtssinn vermitteln nicht nur Außenwelt-Sachverhalte, sondern intiuitiv auch seelische Qualitäten. Der Geruch-, Geschmack-, Seh- und Wärmesinn nach innen gerichtet erlaubt uns, empfindend wahrzunehmen und imaginativ Förderliches und Hinderndes, Sympathisches und Antipathisches zu erkennen. Der Gehör-, Sprach-, Gedanken- und Ich-Sinn lassen – nach innen gerichtet – inspirativ das Wesenhafte des Wahrgenommenen erkennen, eines Menschen, einer Struktur, einer Organisation. Durch die Arbeit mit dem inneren Aspekt der Sinne werden empathische Fähigkeiten geschult. Sind sie entwickelt, werden Aufstellungen entbehrlich.

Die repräsentierende Wahrnehmung

Das in der Aufstellung Erfahrene ermöglicht und hilft, Verständnis zu entwickeln für Verhaltensweisen, bisher Verdrängtes anzunehmen, Erlebtes zu Verzeihen und den Verwandlungswillen zu entzünden. Der Stellvertreter und der Aufstellende selbst sind gleichermassen involviert. Der Stellvertreter hat dabei die Rolle des objektiven, repäsentierenden Mitwirkenden. Er stellt seine Wahrnehmungsfähigkeit zur Verfügung. Mit der „repräsentierenden Wahrnehmung“ wird die grundlegende menschliche Fähigkeit bezeichnet, die Erfahrungen anderer Menschen innerlich nachzuvollziehen und körperlich wie gefühlshaft zu »wissen«, ohne zuvor darüber informiert zu sein.[5]

Ich bin so frei – Wie frei sind wir?

Der anthroposophische Zugang zu den Lebensrätseln des Menschen wird im Aufstellungserlebnis bereichert um das Erkennen, wie stark die im ätherisch-astralen Organismus des Bezugssystems wirksamen Gewohnheiten das Verhalten des Einzelnen und von Gruppen prägen und soziale Formen gestalten. Der Ätherorganismus ist Träger der formbildenden Kräfte, die die gebildeten Lebensgewohnheiten zur selbstverständlichen Lebensgrundlage werden lassen. Dazu gehören Gewohnheiten wie Sprach-, Schlaf-, und Essgewohnheiten, Schnelligkeit-Langsamkeit, Temperament, Ängstlichkeit, Unsicherheit-Sicherheit, Liebenswürdigkeit-Abfälligkeit, Nähe-Distanz-Verhalten, ect. Für den Träger solcher familienspezifischer Merkmale sind die jeweiligen Eigenschaften ebenso selbstverständlich wie verhaltensprägend.

Was wird durch das Aufstellen bewirkt?

Unbemerkt und unbewusst, dafür umso wirksamer beeinflussen und gestalten die im Untergrund der menschlichen Seele wirkenden Gewohnheiten das Leben von Generationen. Das damit verbundene Seelendrama wird in der Erlebnisebene, dem wahrnehmenden Denken und dem Ich-Bewusst-sein erfahrbar. Der Aufstellende erlebt unmittelbar und intensiv, wie in einem guten Theaterdrama ergriffen den Spiegel seiner Innenwelt, in dem seine Familien- oder Kollegiumssituation im Aufstellungsgeschehen abgebildet wird. Unbewußt gelebte Verhaltensweisen, Kräftekonfigurationen und Dynamiken werden sichtbar und erlebbar. In der anschauenden Distanz können neue Impulse entstehen, sich aus erkannten Bindungen befreien zu wollen. Die Aufstellenden nehmen die Erlebnisse dankbar an, die ihnen bisher wie im Nebel verborgen waren. Das ungesehene Treiben im Schicksalsweben wird unterbrochen und seiner Macht teilweise enthoben. Wie wenn ein zuvor mit dicken Vorhängen verhangen gewesenes Fenster aufgemacht würde und frische Luft und Licht hereinkommt. Ordnung wird dadurch im Zimmer nicht von alleine entstehen, jedoch wird deutlich, welche Handgriffe nötig sind. Auch gravierende Entdeckungen bewirken im ehrlichen Anschauen Aufatmen und tiefes Verständnis für das Ringen des Menschenbruders.

Schließlich muss alles noch getan werden

Die Aufstellungsarbeit führt zum Erkennen der übernommenen und gebildeten Handlungs- Gefühls- und Denkgewohnheiten und zeigt einen Weg auf, wie solche Gewohnheiten verändert werden können. Jedoch muss schließlich der Weg der Verwandlung noch bewußt ergriffen, beschlossen und begangen werden. Die Impulse des Aufstellungserlebens bewirken eine Art Befreiung, die ermutigt, sich mit dem Erfahrenen auseinanderzusetzen. Das Heilsame dabei ist das Licht des Bewusstseins. Oft braucht der Verwandlungsprozess die verstehende Begleitung des Therapeuten. Wer solche Hilfestellung gibt, ist immer auch ‚Mit-Täter’ im Sinne des begleitenden Arztes oder Beraters. Die Bewußtseinsseele und das Geistselbst sind angesprochen, wenn die Aufstellungsarbeit in dieser Weise erfolgt.

Systemische Organisationsaufstellung

In der Organisationsaufstellung repräsentieren die Stellvertreter strukturelle Elemente, Wesenselemente und Eigenschaften des Systems. Eine wirksamere Diagnostik ist kaum vorstellbar. Innerhalb weniger Augenblicke bildet der Aufstellungsablauf bisher geahnte, aber verborgen gebliebene Kräfteverhältnisse in aller Klarheit ab. Der therapeutische Aspekt des heilsamen Umganges mit dem Erkannten erfordert im Weiteren die gleiche Geduld und den beharrlichen Gestaltungswillen der Beteiligten wie aufgrund anderer Diagnosemethoden auch.

Der Auftrag an die Geisteswissenschaft

Mit den Mitteilungen des modernen Eingeweihten verfügt die anthroposophische Bewegung über Möglichkeiten des tieferen Verständnisses der mit der systemischen Strukturaufstellung, der Familienaufstellung und der Organisationsaufstellung verbundenen Phänomene. Darüber kann das Gespräch geführt werden mit Vertretern anderer Ansätze. So wie die Psychotherapie sich seit Sigmund Freud vielfältig differenzierte, wird sich auch die Methode der Systemischen Strukturaufstellung differenzieren. Der geisteswissenschaftliche Beitrag ist dabei unerlässlich und wird geschätzt. [6]

Aufstellungen als Wendepunkt

Die systemischen Strukturaufstellungen markieren einen Wendepunkt in der therapeutischen und organisationalen Arbeit. Seit fünf Jahrhunderten ist das verstandesmäßige Erfassen der Wirklichkeit kulturprägend. Die kognitiven Verfahren sind auch im psychotherapeutischen Feld und erst recht in der Organisationsberatung vorherrschend. Seit Julian Jaynes[7] ist deutlich, dass die linkshälftig dominierende Art, die Welt zu begreifen mit dem Verlust der rechtshälftigen Qualitäten erkauft wurde. Die Rede ist von den Erkenntnissen der Hirnforschung: die rechte Gehirnhälften gilt als Sitz der Kreativität, die linke als Sitz der rationalen Fähigkeiten des Menschen. „Und weil der Verstand, die Urteilskraft die großen Mittel der gegenwärtigen Kultur sind, müssen sie befreit werden aus den Banden der bloß sinnlichen Erfassung, des rein handgreiflichen Versehens der Wirklichkeit. Der Verstand der Gegenwartsmenschheit muss selbst eintauchen in das Meer, das ihn mit wahrer Frömmigkeit erfüllt.[8]

Der bewegliche Wahrheitsbegriff

Das Familienstellen lässt sich linkshälftig nicht begreifen. Bei Johannes Kirsch (2005)[9] findet sich eine wertvolle Anmerkung mit dem Hinweis auf den „beweglichen, offenen Wahrheitsbegriff, zu welchem Rudolf Steiner in seinem Buch ‚Goethes Weltanschauung’ von 1897 vordringt:“Nicht ein starres, totes Begriffsystem ist die Wahrheit, das nur einer einzigen Gestalt fähig ist; sie ist ein lebendiges Meer, in welchem der Geist des Menschen lebt, und das Wellen der verschiedensten Gestalt an seiner Oberfläche zeigen kann.[10]

Uns scheint, es bleibt viel zu entdecken, zu üben, und mit beiden Gehirnhälften zu erfassen. Das Familien- und Organisationsstellen bietet reichlich Gelegenheit dazu. So ist zum Beispiel seine soziale Dimension noch gar nicht diskutiert.

Anmerkungen

Ciompi, L., Außenwelt – Innenwelt. Die Entstehung von Zeit, Raum und psychischen Strukturen, 1988

Fowler, J. W., Stufen des Glaubens, Die Psychologie der menschlichen Entwicklung, 2000

Lievegoed, B., Der Mensch an der Schwelle, Stuttgart 2002

Jaynes, J., Vom Ursprung des Bewusstseins, 1990

Kirsch, J., Zur Entwicklung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, Dornach 2005

Kleber, E. und Seiberth, H., INFO3, Aprilheft 2003 und FLENSBURGER HEFTE 78, Familie im Wandel, 2002

Steiner, R., Geisteswissenschaftliche Menschenkunde, GA 107, 10. Vortrag, Dornach 1979

Tomasello, M., Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens, 2002

Steiner, R., Lucifer – Gnosis, GA 34, S. 64f

Steiner, R., Goethes Weltanschauung, GA 6, S. 66

Steiner, R., Geisteswissenschaftliche Menschenkunde, Dornach 1979, GA 107, 10. Vortrag

Ulsamer, B., Ohne Wurzeln keine Flügel, München 1999

Wiest, F. / Kibed, M.V. v., Hrsg., Im Feld der Ähnlichkeiten, Hrsg. Heidelberg 2002

Mahr, A., Grundlagen für die Arbeit mit Aufstellungen, in: INFO3, Stuttgart 2002

Zu den Autoren:

Eva Kleber, geb. 1955, verheiratet, 4 Kinder, Systemische Familientherapie, Konfliktmanagement und Mediation, Supervision, Familien- und Lebensberatung, HP für Psychotherapie, Leitung der Akademie-Vaihingen.

Hermann Seiberth, geb. 1943, verheiratet, 8 Kinder, Dipl. Ing., Gartenbaudirektor i.R., Systemische Familientherapie, Konfliktmanagement und Mediation, Supervision, Familienberatung, Organisationsberatung, HP für Psychotherapie, Leitung der Akademie-Vaihingen.


[1] Bertold Ulsamer, Ohne Wurzeln keine Flügel, München 1999

[2] Rudolf Steiner, Geisteswissenschaftliche Menschenkunde, Dornach 1979, GA 107, 10. Vortrag

[3] James W. Fowler, Stufen des Glaubens, Die Psychologie der menschlichen Entwicklung, 2000

M. Tomasello, Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens, 2002

Luc Ciompi, Außenwelt – Innenwelt. Die Entstehung von Zeit, Raum und psychischen Strukturen, 1988

[4] FLENSBURGER HEFTE Nr. 78, Familie im Wandel, 2002 und INFO3, Aprilheft 2003

[5] Albrecht Mahr, Grundlagen für die Arbeit mit Aufstellungen, in: INFO3, Stuttgart 2002

[6] Im Feld der Ähnlichkeiten, Hrsg. F. Wiest/M. V. v. Kibed, Heidelberg 2002

[7] Julian Jaynes, Vom Ursprung des Bewusstseins, 1990

[8] Rudolf Steiner, Lucifer – Gnosis, GA 34, S. 64f

[9] Johannes Kirsch, Zur Entwicklung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, Dornach 2005