FLENSBURGER HEFTE

Neue Horizonte – Interview mit Eva Kleber und Hermann Seiberth

von Renate Hasselberg

Eva Kleber, geb. 1955, verheiratet, vier Kinder. Krankenschwester, Sozialtherapeutin. Tätigkeitsbereiche: Familienberatung, Konfliktmanagement und Mediation, Leitung der Akademie für Sozial- und Familienkultur in Vaihingen/Enz. Weiterbildung in Gruppendynamik, Systemische Familientherapie, Konfliktmanagement und Mediation, Familienberatung.

Hermann Seiberth, geb. 1943, verheiratet, acht Kinder. Dipl.-Ing., Gartenbaudirektor i.R. Tätigkeitsbereiche: Organisationsberatung, Konfliktmanagement und Mediation, Familienberatung, Supervision, Moderation und Coaching, Leitung der Akademie für Sozial- und Familienkultur. Weiterbildung in Managementfähigkeiten (NPI), Organisationsentwicklung (TRIGON), Führungsfähigkeiten (MIRA), Gruppendynamik, Mediation, Systemische Familientherapie, Familienberatung.

Internet: Akademie Vaihingen: www.afsk.de

Der Bewußtseinswandel im letzten Jahrhundert hat die menschlichen Lebensbedingungen individuell und kollektiv so einschneidend verändert, daß wir vertiefte Kenntnisse und einen ganz neuen Fähigkeitenkatalog erwerben müssen, um mit den Herausforderungen der Zeit fertig zu werden. Das gilt für das gesamte soziale Leben und insbesondere für Partnerschaft und Ehe, für die Familie und die Erziehung der Kinder. Vieles bisher Bewährte trägt den einzelnen nicht mehr. Jegliches Zusammenleben, jede Zusammenarbeit in Gemeinschaften ist mit den Kräften des “guten Willens” und allgemeiner Humanität nicht zu lenken. Was ist zu tun?

Die Akademie Vaihingen/Enz ist offenbar ein Ort, an dem Menschen üben können, was not tut. Und das ist entscheidend: Üben! Es nützt nichts, nur zu wissen. Erst im Üben neuer Fähigkeiten – wie z.B. Sozialkompetenz, Gesprächsfähigkeit, Selbstwahrnehmung u.a. – erfahren wir unsere Grenzen und unsere Möglichkeiten.

So ist die Akademie eine Antwort auf die Not unsere Zeit. Es geht um kompetente Hilfe zur Selbsterkenntnis, Selbsterziehung und Selbstverwandlung. Es geht um die Ausbildung von Fähigkeiten, um sich und den anderen besser zu verstehen, das soziale Leben bewußt zu gestalten und damit einen heilsamen Beitrag zur Gemeinschaftsbildung zu leisten. Ich sprach mit Eva Kleber und Hermann Seiberth, die die Akademie leiten und aus ihrer Arbeit berichten.

Renate Hasselberg: Was hat Ihre persönliche Biographie mit der Akademie für Sozial- und Familienkultur zu tun?

Eva Kleber: Einerseits konnte ich viele Erfahrungen in unserer Familie mit drei eigenen Kindern und einigen Pflegekindern machen; andererseits habe ich bei vielen Freunden und Bekannten erlebt, daß die Familien zerbrachen, obwohl äußerlich alles im reinen zu sein schien: Haus, Kinder, eine schöne Frau, der Mann in gutem Beruf etc. In vielen Fällen wurde die Scheidung eingereicht. In einer Nachbarfamilie kam es sogar zu einem Suizid, so daß ich die daraus entstandene Situation mittragen mußte. Aus diesem direkten Erleben faßte ich den Entschluß, Familienfortbildungen zu organisieren. Und in meinem Umkreis fand ich acht Ehepaare, die bereit waren, eine solche Familienkreisarbeit miteinander zu beginnen.

Die gemeinsamen Gespräche gaben Kraft

Wir haben uns alle 14 Tage zu einer “Familienkonferenz” getroffen und alle Themen, die für die Familie relevant sind, besprochen. Das waren Themen wie Erziehung, Partnerschaftsfragen, Ehebiographie, Biographie der Kinder, die eigene Entwicklung, Entwicklungshürden durch die Eltern, Jahresfeste, religiöse Erziehung, Gesundheit und Krankheit, Ernährung, Medien usw. An vielen dieser Themen haben wir ein Jahr lang miteinander gearbeitet und dabei festgestellt, daß die Auseinandersetzung mit diesen Fragen vor dem Hintergrund anthroposophischer Zugänge unglaublich Kraft gab. Aus der Begeisterung, die dieses gemeinsame Tun auslöste, überlegte ich dann, wie man diese Kraft und den Enthusiasmus in die Öffentlichkeit stellen und größeren Menschengruppen zugänglich machen könnte.

Ich faßte den Entschluß, bei nächster Gelegenheit ein Mitglied des Vorstandes der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft anzusprechen, um ihm vorzuschlagen, eine Tagung über Familienfragen am Goetheanum in Dornach (Schweiz) durchzuführen. – Zwei Wochen später traf ich den Vorstandsvorsitzenden Manfred Schmidt-Brabant, und er war sofort zu dieser Tagung bereit. Dann bereiteten wir die Tagung in unserer Familienkonferenz vor und erwarteten etwa 50–70 Teilnehmer. Aber es kamen 600. Mit dieser Tagung im Jahre 1990 begann unsere Arbeit an der Familienkultur, und aus ihr bildete sich ein Arbeitskreis am Goetheanum, den ich sieben Jahre begleitet habe.

 

Die Gründung der Akademie

Dann habe ich diese Arbeit abgegeben, weil ich bemerkte, daß im Hinblick auf die immer stärker um sich greifenden Familienauflösungserscheinungen eine einzige Tagung nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein sein kann.

In Fortbildungsseminaren bin ich Menschen begegnet, denen die soziale Bildung für Ehepartner ein Anliegen war. Wir überlegten, wie Familienbildung in die Welt kommen und wie eine Ausbildung zur Familiengestaltung entstehen könnte. Diese sieben Menschen fanden sich in einem Initiativkreis zusammen und bereiteten die Gründung einer “Akademie für Familienkultur” vor.

R.H.: In welchem Jahr war das?

E. Kleber: 1998 haben wir mit dem Initiativkreis, ein Jahr später mit der Akademie begonnen. Zwei weitere Jahre später änderten wir den Namen in “Akademie für Sozial- und Familienkultur”. Das bezeichnet unsere Orientierung zutreffender.

R.H.: Gibt es weitere persönliche Erlebnisse und Erfahrungen, die Sie zu Ihrer Familienakademie motiviert haben?

E. Kleber: Alles lief nicht ohne seelische Not und eigenes Betroffensein ab. Mein Mann und ich hatten Pflegekinder aufgenommen, eines davon war ein seelenpflegebedürftiges Kind. Somit erlebten wir hautnah, was es bedeutet, “fremde” Kinder in den Familienzusammenhang aufzunehmen und großzuziehen. In einem anderen Fall begegnete ich der Not einer alleinerziehenden Frau, die ihr Kind abgeben mußte, welches dann ganz in unseren Familienzusammenhang integriert war. Besonders diese Erfahrungen wurden durch meine eigene Betroffenheit zu einem meiner zentralen Lebensthemen.

R.H.: Sie sind Mutter von drei Kindern, Ihr Mann war Waldorflehrer und arbeitet jetzt als Organisationsberater. Ist die Arbeit in der Akademie Ihr hauptsächlicher Beruf, oder gehört die Familie auch noch dazu?

E. Kleber: Meine Kinder sind mittlerweile in einem Alter zwischen 20 und 26 Jahren, ich bin auch stolze Großmutter. Ich habe jetzt den Raum und die Zeit und kann mich der Akademie widmen.

 

Anthroposophie als Grundlage

R.H.: Welches Welt- und Menschenverständnis liegt Ihrer Arbeit zugrunde?

Hermann Seiberth: Das anthroposophische Welt- und Menschenbild. Unsere Ausbildung basiert auf der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners. Wir beziehen aber auch andere Blickrichtungen ein, deren Reichtum sich vor dem geisteswissenschaftlichen Hintergrund erschließt. Dazu gehören der Zen-Buddhismus, Sufismus, Chassidismus, die arabischen Mystiker und andere Quellen esoterischer und exoterischer Überlieferung.

Wir sind bestrebt, unseren Teilnehmern das anthroposophische Menschenbild als hilfreiche Grundlage für eine erfolgreiche Beratungstätigkeit zu vermitteln. Und wir pflegen die Zusammenarbeit mit der Sozialwissenschaftlichen und Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum.

R.H.: Welche Rolle kann das anthroposophische Menschenbild in der Beratung spielen?

H. Seiberth: Die Frage nach der Qualität der Zusammenarbeit ist heute in erster Linie eine ethische Frage und wird vom Menschenbild bestimmt, sagt z.B. der Zukunftsforscher Leo A. Nefiodow. Das gilt nicht nur für die Wirtschaft. In sehr vielen Lebensfragen bietet das anthroposophische Welt- und Menschenbild eine ganz entscheidende Hilfe. Das betrifft vor allem das diagnostische Verständnis von Problemen. Ich denke dabei an das Bild des dreigliedrigen Menschen – Leib, Seele und Geist, die alle drei zu ernähren sind – oder an die Beziehung zwischen höherem Ich, dem Alltags-Ich und dem “Schatten” des Menschen, seinem Doppelgänger, der alles unverwandelte Seelische, noch nicht mit den Ich-Kräften Durchdrungene und andere angesammelten Wirkungen in sich vereinigt.

R.H.: Bietet die klassische Psychologie nicht ebenfalls viele hilfreiche soziale Methoden und Techniken an?

H. Seiberth: Absolut. Ein Großteil unseres Handwerkszeuges stammt aus der Psychologie und Psychotherapie. Wenn Sie z.B. aber nach dem Wesen des Menschen fragen, nach dem “Ich”, nach der Entwicklungsgeschichte der Erde, nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, finden Sie in diesen Wissenschaften keine brauchbaren Antworten.

R.H.: Welche Gesichtspunkte, die Sie hier vermissen, sind Ihnen wesentlich?

H. Seiberth: Einige der Begriffe, die wir verwenden, tauchen zwar auch z.B. in der Psychologie auf, in den Begriffen vom Über-Ich, Ich und Es, vom Überbewußten und Unterbewußten, in Freudschen oder Jungschen Begriffen. Und vieles ist unbestreitbar hilfreich. Lebenskräftig werden solche Begriffe allerdings erst durch den Kontext des geisteswissenschaftlichen Menschenbildes. Dieses geht von der transzendentalen Dimension des Menschen aus, von der Existenz einer geistigen Welt, davon, daß alles Tote von Lebendigem abstammt, daß die mit den Sinnen erfahrbare Welt eine Innenseite hat, deren Abbild sie ist.

Durch die Anthroposophie sind uns für die Ausbildung folgende Themen wichtig: die Tatsachen der Erdenevolution, die Entwicklungsgeschichte der Erde als Bewußtseinsgeschichte des Menschen, Reinkarnation und Karma, das Verhältnis des Menschen zur Sternenwelt, das Bild eines in die Berechenbarkeit erstorbenen Kosmos und der Erde als Keim eines neuen Kosmos, die Aufgabe der Entwicklung der geistigen Wesensglieder des Menschen, die Erfahrung der Wirksamkeit der Hierarchien und der Elementarwelt, Wesen und Wirken der Widersacherkräfte, die Aufgabe der Durchchristung der Erde und der Begegnung mit dem Christus im Ätherischen, um einige wesentliche Aspekte zu nennen. Die Schulung des Herzdenkens, die Liebe und ihre Bedeutung in der Welt sind uns dabei ein besonderes Anliegen. Dabei versuchen wir, Begriffe und Blickrichtungen zu vermitteln, die sehend machen und Erfahrung ermöglichen.

R.H.: Welche Rolle spielen psychologische Konzepte in der Akademie?

H. Seiberth: Psychologische Ansätze und Modelle machen einen Großteil der Kommunikationstheorie aus. Daraus stammt die Mehrzahl der hilfreichen Übungen. Die psychologische Literatur zu Beziehungs- und Familienfragen ist ja sehr umfangreich geworden, seit diese Themen Konjunktur haben. Darin finden sich unentbehrliche und hilfreiche Grundlagen. Zu den oben beschriebenen geisteswissenschaftlich bearbeiteten Themen, deren sachgemäßes Verständnis einen wesentlich erweiterten Zugang zu einem konstruktiven Weltverständnis ermöglicht, liefern psychologische Begriffsmuster jedoch keinen Beitrag. Das hängt mit der Nichtanerkennung geistiger Realitäten zusammen. Doch taucht eine solche Erweiterung heute an vielen Stellen auf, wie z.B. bei dem erkenntnistheoretischen Außenseiter Ken Wilber, dem vielleicht erstaunlichsten Denker der Gegenwart.

 

Neue Kenntnisse und Fähigkeiten

R.H.: Welche Menschen kommen zu Ihnen in die Akademie?

H. Seiberth: Unsere Teilnehmer kommen aus den unterschiedlichsten beruflichen und biographischen Lebenssituationen im Alter von 22 bis 72 Jahren. Viele suchen einen Zugang zu einer neuen sozialen Profession. Manche wollen lernen, eine Partnerschaft oder ihre Familiensituation zu bewältigen, andere suchen für sich selbst einen neuen Anfang nach einer Lebens- oder Sinnkrise oder eine ergänzende Qualifizierung in sozialer Kompetenz, die sie in ihrer beruflichen Tätigkeit anwenden wollen.

R.H.: Was sind die Motive für eine Qualifizierung in sozialer Kompetenz?

H. Seiberth: Die Motive für die Qualifizierung haben im weitesten Sinne Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten zum Ziel, die wir mit den geisteswissenschaftlichen Begriffen der moralischen Intuition, der moralischen Phantasie und der moralischen Technik beschreiben können. Die soziale Kunst ist in diesem Sinn eine moralische Technik, künstlerisch aufgefaßt. Ich will ein Beispiel schildern: Eine 49jährige Ernährungsberaterin sucht in der Ausbildung zur Familien- und Sozialberaterin an der Akademie Unterstützung für die Beratung von Müttern und auffälligen Kindern, u.a. mit Konzentrations-, Sinnesentwicklungs- oder Ernährungsstörungen. Auf die Frage, was sie sich von der Ausbildung erwartet, schildert sie: “Ich erhoffe mir, die in der Beratung auftauchenden Probleme besser greifen zu können, bei denen es ja nur vordergründig um Ernährungsgewohnheiten geht. In der Regel liegen den Ernährungsstörungen ja Dissonanzen in der Gesamtpersönlichkeit zugrunde. Die Ausbildung soll mir eine vertiefte Menschenkunde vermitteln und die Grundlagen für meine Arbeit erweitern.”

Für andere Teilnehmer ist es die Erfahrung zunehmender Spannungen und Konflikte innerhalb der Kollegien – am Arbeitsplatz, in der Schule, im Kindergarten –, mit der Folge gesteigerter Ineffizienz, manchmal ist es das Motiv der Neuorientierung, der Standortbestimmung – Quo vadis? –, das die Menschen veranlaßt, eine Ausbildung an der Akademie zu suchen.

R.H.: Welche Vorbildung haben Ihre Teilnehmer?

H. Seiberth: Die Vorbildung unserer Teilnehmer ist so vielfältig wie das Leben. Darunter sind Sozialarbeiter, die nach erweitertem Handwerkszeug für ihre berufliche Praxis fragen, Rechtsanwälte, die ihre Kompetenz um die Mediation erweitern wollen, Lehrerinnen und Lehrer, die sich auf neue Aufgaben in der Schule vorbereiten wollen, Eurythmistinnen und Eurythmisten, die in der Arbeitswelt ein neues Anwendungsgebiet für die Eurythmie sehen, ein Bankdirektor, der seine Kommunikationsfähigkeiten verbessern möchte, Mütter, die einen Wiedereinstieg in das Berufsleben planen, Väter, die entdeckt haben, daß die Qualifizierung in sozialer Kompetenz für ihre weitere berufliche Entwicklung unerläßlich ist.

In der Wirtschafts- und Arbeitswelt wird entdeckt, daß Fähigkeiten, die einem in der Familie helfen, auch am Arbeitsplatz, im Unternehmen hilfreich sind: Organisationstalent, rationelle Arbeitsplanung, Vermittlung zwischen widerstreitenden Ansprüchen, die Fähigkeit, anderen etwas beizubringen, mit knappen Ressourcen haushälterisch umzugehen, sensibel Befindlichkeiten erspüren und darauf eingehen können, intuitives Erfassen bevorstehender Entwicklungen, Teamfähigkeit und komplexes Informationsmanagement sind Beispiele hierfür.

Headhunter versichern, daß soziale Kompetenz und Informationsmanagement heute Schlüsselqualifikationen für die Führung von organisationalen Wandlungsprozessen sind. Anstand, Rücksicht, Vertrauen und Einfühlungsvermögen, die “weichen” Faktoren, werden zum Garanten von Erfolg und Wachstum. Früher genügte es, die Produktivität von Maschinen zu steigern, also effizient mit Rohstoffen, Materie und Energie umzugehen. Heute müssen wir in der Lage sein, produktiv mit Informationen umzugehen, mit der zwischenmenschlichen Ebene also.

 

Großmuttertausch statt “Granny dumping”

R.H.: Was fangen die Teilnehmer später mit der Akademieausbildung an?

E. Kleber: Es ist faszinierend, wie vielfältig und phantasievoll unsere Absolventen die erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten einsetzen. Das zeigt sich z.B. auch in den Themen für die Diplomarbeiten. (Beispiele dazu auf der Homepage der Akademie: www.afsk.de).

R.H.: Können Sie einige Beispiele für die praktische Anwendung nennen?

E. Kleber: Eine Hotelfachfrau hat für die Arbeit mit alten Menschen phantasievolle Wege entwickelt. So wurden z.B. durch ihre Initiative in zwei Familien die Omas getauscht, weil sie in der jeweils neuen Familie – im Gegensatz zu ihren bisherigen – wunderbar zurecht kamen. Alle Beteiligten waren wie erlöst. Großmuttertausch statt “Granny dumping”. Einfühlsam erspürt sie, wie für die älteren Menschen ihre neue Lebensphase ganz individuell gestaltet werden kann.

Eine Sozialarbeiterin kann bei ihrer Arbeit mit beschäftigungslosen Menschen diesen aufgrund der erfolgreichen Verarbeitung ihrer eigenen Erlebnisse neue Impulse geben. Eine Diplom-Verwaltungswirtin begründete eine Praxis für Paarberatung und Trennungsbegleitung, eine Erzieherin eine Praxis für Sozial- und Lebensberatung. Eine Sekretärin übernahm in einem Großunternehmen die Aufgabe der Betreuung von Alkoholikern. Ein Kulturpädagoge entwickelte das Katathyme Bild-Erleben (KB) zu einem Instrument für Diagnose- und Sollentwurfsprozesse in Organisationenweiter. Eine Jugend- und Heimerzieherin begründete ein Institut für Familienkultur zur Begleitung von Familien in allen Lebensfragen und -themen. Eine Lehrerin hat eine subtile Methode zur Betreuung von rechenschwachen Kindern entwickelt. Eine Ärztin entwickelte ein Konzept für Lebensorientierung und Erholung auf Bauernhöfen als Alternative zu herkömmlichen Kurkonzepten. Das sind nur einige Beispiele.

R.H.: Steht die berufliche Ausbildung bei Ihnen im Mittelpunkt?

H. Seiberth: Als Leitbild der Akademie ganz klar. Zu uns kommen jedoch sowohl Menschen, die in der Familienberatung und Sozialberatung für Gruppen, Organisationen, Unternehmen beruflich tätig sein wollen, als auch Menschen, die für sich selbst nach einer sinnstiftenden biographischen Neuorientierung und sozialen Qualifizierung fragen. Dazwischen gibt es mancherlei gemischte Motive. Wir unterstützen unsere Teilnehmer darin, ihren ganz eigenen Weg zu finden.

R.H.: Müssen die Teilnehmer anthroposophische Vorkenntnisse mitbringen?

H. Seiberth: Nein. Etliche unserer Teilnehmer suchen dezidiert die anthroposophisch fundierte Vertiefung und bringen entsprechende Vorkenntnisse und Erfahrungen mit. Für andere ist der geisteswissenschaftliche Hintergrund und Inhalt etwas völlig Neues, für das sich ihre Offenheit manchmal erst langsam bildet. In der Seminargruppe führt das zu fruchtbaren Gesprächen. Anthroposophie ist ja etwas allgemein Menschliches, ein lebenspraktischer Zugang zur Welt und zum Menschen, der jedem offen steht, unabhängig von seiner weltanschaulichen oder religiösen Orientierung.

Qualifizierung in sozialer Kompetenz

R.H.: Welche grundsätzlichen Ausbildungsmöglichkeiten haben Sie?

E. Kleber: Wir verstehen uns einerseits als Familienkulturstätte, die den mikrosozialen Aspekt mit der Qualifizierung der Bereiche Ehe, Partnerschaft und Familie zum Gegenstand hat, andererseits als Einrichtung, die eine Qualifizierung in sozialer Kompetenz vermittelt, um in Organisationen, Unternehmen, Kindergärten, Schulen, Betrieben, Behörden kompetent sozialkünstlerisch den jeweiligen Herausforderungen begegnen zu können. Diesen Schwerpunkt haben wir mit den Ausbildungen in Konfliktmanagement und Mediation und zum Sozialgestalter verstärkt. Daher haben wir unserer Einrichtung auch die Bezeichnung “Akademie für Sozial- und Familienkultur” gegeben.

R.H.: Was verstehen Sie unter Sozialkultur?

H. Seiberth: Das bedeutet, daß auch der mesosoziale Bereich zu unserem Anliegen gehört, also die Ausbildung der sozialen Fähigkeiten der Menschen, wie sie in der Wirtschaft und Arbeitswelt immer stärker gefragt sind. Wirtschaftliche Entwicklung und Führungskompetenz, “Leading in the Digital Economy”, wird ja immer mehr eine Frage der Herzenskompetenz, der “openminded receptivity”. Darüber forschen z.B. Joseph Jaworski und Claus Otto Scharmer am Massachusetts Institute of Technology (MIT), einer der führenden Kompetenzschmieden der USA. Michael Lipson, Chief-Psychologist an der Columbia University, beschreibt das Phänomen der neuen Führungsfähigkeit, mit dem Unerwarteten im “attentive thinking” kreativ umzugehen, mit dem lebendigen Gedanken, bevor er sich in Sprache und Bild umsetzt. Hier entsteht eine Aufmerksamkeit auf völlig neue Kompetenzen, die zentral erscheinen für eine Führungskompetenz in komplexen Organisationen der digitalen Ökonomie.

Tendenziell streben wir auch Interventionen im makrosozialen Bereich, z.B. in der Familienpolitik, an. Das ist aber noch Zukunftsmusik. Für diese Bereiche wollen wir qualifizierende Impulse geben, wie wir es in unserem Leitbild formuliert und begründet haben (siehe: www.afsk.de).

Die Ausbildung – “Ich erkenne, urteile und handle”

R.H.: Welche Ausbildungen bietet die Akademie für Sozial- und Familienkultur im einzelnen?

E. Kleber: Derzeit bieten wir drei verschiedene Ausbildungen an. In der Reihenfolge ihrer Entstehung sind es erstens die eineinhalbjährige Ausbildung zum “Familien- und Sozialberater”, zweitens die einjährige Ausbildung in “Konfliktmanagement und Mediation” zum Mediator, dem Vermittler im Konflikt, und drittens die ebenfalls einjährige Ausbildung zum “Bewegungs- und Sozialgestalter”.

R.H.: Können Sie einmal die Ausbildung zum Familien- und Sozialberater in den Grundzügen beschreiben?

E. Kleber: Die Ausbildung zum Familien- und Sozialberater ist in Trimester gegliedert. Das erste Trimester steht unter dem Motto: “Ich erkenne mich selbst”, das zweite unter dem Motto: “Ich erkenne das andere”, und das dritte unter dem Motto: “Ich erkenne, urteile und handle”.

R.H.: Was sind die wesentlichen Inhalte der einzelnen Abschnitte?

E. Kleber: Im ersten Trimester stehen die Selbsterkenntnis, die soziale Wahrnehmung und die Grundlage der Menschenkunde im Mittelpunkt, also auch die Konstitutionslehre, die Temperamente, die Entwicklungspsychologie, die Sinneslehre usw. Dazu gehören die Grundlagen der Selbsterziehung und Selbstentwicklung. Dazu gehören auch Schicksalsfragen, Krisenbewältigung und Lebensgestaltung im weitesten Sinne. Alles wird vom individuellen Standpunkt betrachtet.

Im zweiten Trimester geht es um die Erkenntnis des anderen, des Gegenüber. Dabei lernt man Gesetzmäßigkeiten von Gruppen und Gemeinschaften kennen. Hier spielen Biographiearbeit, Fragen von Ehe und Familie, von weiblichen und männlichen Gestaltungskräften, von konstruktiven und destruktiven Beziehungsdynamiken eine Rolle, von kosmischen Kräften, vom Umgang mit Planetenwirksamkeiten, von kosmischen Urbildern sozialer Wirksamkeiten. Die Karmafragen gehören natürlich auch in dieses zweite Trimester.

Im dritten Trimester geht es um das “Handwerkszeug”, d.h. es werden Instrumente, Techniken und Methoden vermittelt und geübt für das kompetente Verhalten in komplexen Situationen. Das erfordert z.B. die Kenntnis der Gesetzmäßigkeiten komplexer sozialer Systeme, von Gruppenprozessen und Teams und beispielsweise die Fähigkeit, in Konfliktsituationen zwischen den Konfliktparteien moderieren und vermitteln zu können. Im dritten Trimester wird die Menschenkunde vertieft, es werden die Moderation und Mediation kennengelernt und geübt, die Paar- und Eheberatung wird vertieft bearbeitet, und das Spektrum der gegenwärtig in Familien- und Sozialberatungssituationen auftauchenden Herausforderungen thematisiert. Außerdem lernen die Teilnehmer das Instrument der Kinderbesprechung kennen und anwenden, verschiedene psychologische Methoden und Techniken und nicht zuletzt die Methode der Familienaufstellungen, allerdings in der von uns praktizierten, von Bert Hellingers Methoden deutlich abweichenden Form – erweitert u.a. um die Dimensionen von Reinkarnation und Karma. Hinzu kommen das KB, das Katathyme Bild-Erleben und die “Seelenarbeit”, eine besondere therapeutische Technik.

R.H.: Bilden Sie soziale Techniker aus?

H. Seiberth: Die sozialen Fertigkeiten sind Grund-Handwerkszeug. Ihre Anwendung und Beherrschung läßt sich steigern zur “sozialen Kunst”, der Kunst des dritten Jahrtausends. Joseph Beuys hat die Steinerschen Grundlagen künstlerisch zeitgemäß gehandhabt und einen modernen Weg gezeichnet, der allerdings weit ausgreift. Die gesamte Ausbildung an der Akademie ist durchzogen von vielfältigen künstlerischen Übungen und sucht, den Künstler in jedem Menschen anzusprechen.

Studienbedingungen

R.H.: Gibt es für das Studium Eingangsbedingungen?

E. Kleber: Ja, die Menschen, die zu uns kommen, müssen gesund sein und einen Beruf erlernt bzw. eine Ausbildung absolviert haben.

R.H.: Sie meinen seelisch gesund!?

E. Kleber: Ja. Wer nicht seelisch gesund ist, kann nicht beratend und helfend tätig sein. Selbstverständlich ist es hilfreich, wenn Teilnehmer durch Krisen gegangen sind, aber es sollte schon eine gewisse seelische Ausgeglichenheit vorliegen, wenn man in der Beratung tätig sein will. Die Teilnehmer sollten über einen gesunden Menschenverstand verfügen, Freude am Lernen haben, eine gewisse Sensibilität, Einfühlungsvermögen und genügend Unbefangenheit mitbringen.

R.H.: Sollten sie ein bestimmtes Lebensalter erreicht haben?

E. Kleber: Ja, sie sollten wenigstens 25 Jahre alt sein.

R.H.: Wie groß ist Ihre Akademie, wie viele Menschen studieren summa summarum in allen Kursen?

E. Kleber: Vor drei Jahren haben wir mit 15 Teilnehmern begonnen, im zweiten Jahr waren es 45, und jetzt im Herbst 2002 haben wir das vierte Jahr mit über 100 Teilnehmern begonnen.

R.H.: Ist es eine berufsbegleitende oder eine Ganztagsausbildung?

E. Kleber: Es ist eine berufsbegleitende Ausbildung, die an Wochenenden stattfindet.

R.H.: Wie steht es mit der finanziellen Seite? Wird Ihre Akademie bezuschußt, oder muß jeder für die Kosten individuell aufkommen?

E. Kleber: Wir sind eine völlig privat initiierte und auch finanzierte Einrichtung, d.h. daß die Teilnehmer unsere Einrichtung finanzieren. Bisher haben wir bis auf einzelne Spenden noch keinerlei Zuwendungen von irgendeiner Einrichtung oder Stiftung oder von öffentlicher Seite erhalten. Aber eine Bildungsstätte kann sich auf Dauer nicht aus laufenden Einnahmen finanzieren. Da hoffen wir auf Unterstützung.

R.H.: Wie setzt sich Ihr Kollegium zusammen?

E. Kleber: Die Kurse werden von einer ganzen Reihe qualifizierter Dozenten betreut, die jeweils einzelne Fächer versorgen. Dazu gehören z.B. Dr. Michaele Quetz von der Filderklinik für die psychiatrische Krankheitslehre und anthroposophische Entwicklungspsychologie, Ingo Krampen, Rechtsanwalt, für Familienfragen und Mediation, die Diplompsychologin Dr. Elke Häusler-Karl für Gruppendynamik, Beate Krützkamp für Sprachgestaltung, Siegfried Ober und Gerlinde Sievers für Eurythmie, Lothar Kreisel für Schicksalslernen und Bothmergymnastik und andere. Die Kunst ist kein schmückendes oder auflockerndes Beiwerk; sie durchzieht methodisch die gesamte Ausbildung mit intensiven künstlerischen Übungen. Dazu gehören Malen, Plastizieren, Singen, Eurythmie und Sprachgestaltung. Zentral steht die Eurythmie. Sie ist das diagnostische und therapeutische Instrument für soziale Zusammenhänge schlechthin. Alle Kurse werden von Hermann Seiberth und mir durchgängig betreut.

Der Individualisierungsprozeß der Frauen

R.H.: Wenn Sie die historische Entwicklung der Familien in den letzten 30 Jahren ins Auge fassen, welche wesentlichen und einschneidenden Veränderungen hat es für die Frauen, Männer und für die Kinder gegeben?

E. Kleber: Ich beantworte zuerst einmal die Frage nach der Situation der Frauen. Vor 30 Jahren war es das Selbstverständnis einer Frau, daß sie nach der Geburt eines Kindes als Mutter zu Hause blieb. Von 100 Frauen blieben 80 zu Hause, lediglich ein Fünftel ging wieder zur Arbeit. Und dieses Verhältnis hat sich bis heute vollkommen umgekehrt. Heutzutage gehen etwa Dreiviertel aller Frauen spätestens nach 1.1/2 Jahren wieder arbeiten, während nur ein Viertel zu Hause bleibt. Das Mutter- und Berufsbild der Frauen hat sich also vollkommen gewandelt. Für die Familie be-deutet dies einen weiteren Auflösungsprozeß. Für die Mutter aber bedeutet es, individuell, freiheitlich, ihren eigenen Fähigkeiten gemäß zu leben.

Dieser individualisierte Freiheitsaspekt bringt für die Kinder mit sich, daß sie bei guter Versorgung die verschiedensten Lebensqualitäten aufnehmen, wenn z.B. der Vater, die Großmutter oder andere Bezugspersonen einbezogen werden; also ein Mehr an Lebensqualität. Aber wenn sie nicht gut versorgt sind, dann haben sie deutlich weniger Lebensqualität. Im zweiten Fall ist das ein enormer Verlust an vertrauensbildenden Kräften, ein Verlust an allem, was Seelenkraft und Persönlichkeit ausbildet. Solche Kinder werden also deutlich geschwächt, mit den eventuellen Folgen von Krankheit oder Anfälligkeit für Drogen und Gewalt.

R.H.: Also geht der Individualisierungsprozeß der Frauen zu Lasten der Kinder, wenn ihre Situation nicht abgefangen wird?

E. Kleber: Es gibt beide Seiten. Die Kinder profitieren in aller Regel vom Selbstbewußtsein ihrer Mutter. Sie werden wacher und können gestärkt aus so einer gestalteten Situation hervorgehen. Wenn allerdings die Kinder eine starke Persönlichkeit mitbringen, besteht die Gefahr, daß der Parentisierungsprozeß zu früh eintritt, daß sie also unangemessen früh eine Elternrolle und Verantwortung übernehmen und ihr unbeschwertes Kindsein darunter leidet.

R.H.: Ist diese Entwicklung im gesellschaftlichen Kontext eine notwendige?

E. Kleber: Auf jeden Fall, sie steht im Zeichen der Individualisierung und im Zeichen der Bewußtseinsseelenentwicklung.

Ein Novum in der Geschichte der Männer

R.H.: Wie hat sich der Mann in den letzten 30 Jahren entwickelt? Ist er durch die Individualisierungsprozesse der Frauen in Zugzwang gekommen?

H. Seiberth: Auf der Seite der Frau besteht seit dem Mittelalter – davor war es durchaus anders – ein großes Defizit in bezug auf die Freiheit, die Bildung, die Berufsmöglichkeiten, die Partnerbeziehungen, mit allen politischen und gesellschaftlichen Folgewirkungen. Dieses Defizit ist nach und nach von den Frauen abgebaut worden, und dadurch veränderte sich auch die Situation des Mannes. Mit dieser veränderten Situation kommen beide Geschlechter nicht mehr so gut zurecht, was sich z.B. in der hohen Zahl der Ehescheidungen ausdrückt. Das Statistische Bundesamt gibt für das Jahr 2000 418.550 Eheschließungen an, denen 194.408 Scheidungen gegenüberstehen. Die Scheidungsrate liegt also knapp unter der Hälfte der Eheschließungen.

Es gibt viele demographische Entwicklungen, die die veränderte Situation charakterisieren, z.B. daß das Heiratsalter immer höher wird; die jungen Menschen heiraten nicht mehr so schnell. Und die Zahl der Geburten nimmt ab. Deutschland ist momentan das Land mit der weltweit geringsten Reproduktion. Die Fertilitätsrate der Deutschen liegt bei 1,29 (Kindern pro Frau). Diese niedrige Geburtenrate hat mit den schon angesprochenen Familienproblemen zu tun, und sie findet ihren Ausdruck in der Abnahme der Mehrkindfamilien und der Zunahme der kinderlosen Paare. Von 100 Ehepaaren blieben 1899 9 % kinderlos, 1950 waren es bereits 13 %, 1985 18 %. Die Zahl der kinderlosen Paare steigt kontinuierlich. Ebenfalls steigt die Zahl der mittellosen Familien, und es gibt immer mehr Familien, bei denen die Mutterrolle nicht mehr besetzt ist und die Väter die Kinder allein großziehen. Das ist ein Novum in der Geschichte der Männer.

R.H.: Kommt der Mann durch die neue Familiensituation dazu, eher seine weibliche, intuitive Seite zu zeigen? Und wenn ja, ist dies eine positive Entwicklung?

H. Seiberth: Wenn wir das Ziel vor Augen haben, daß beide Geschlechter die Menschlichkeit entwickeln wollen, dann kann man sagen, daß die Frauen zur Zeit den Männern helfen, indem sie mehr die Qualitäten der rechten Gehirnhälfte einfordern. Sie fordern mehr Liebe, Zuwendung, Zärtlichkeit, Aufmerksamkeit, also alle weichen Faktoren. Insofern sind die Männer erheblich gefordert, und das ist gut so. Die Frauen nehmen die klassische Rollenverteilung nicht mehr selbstverständlich hin, sie fordern beispielsweise die Mitwirkung im Haushalt und eine neue Aufmerksamkeit auf die Paarbeziehung insgesamt. Das ist eine schöne Herausforderung für die Männer. Erschwerend kommt für die Männer hinzu, daß sie zunehmend in einen beruflichen Streß eingespannt sind, der sie immer mehr fordert, sowohl kraft- als auch zeitmäßig. Wer z.B. in einer Führungsposition ist, kann mit einer 40-Stunden-Woche nicht mehr überleben. Allerdings zeigen schon Autoren wie Tom Hirschfeld den “Business Dads”, “wie erfolgreiche Männer auch fantastische Väter sein können – und umgekehrt” (München 2002).

Die Frau hat die Chance, wirklich Frau zu werden

R.H.: Wir stehen in einer Situation, daß die Frau zunehmend ihre männliche Seite entwickelt und der Mann seine weiblichen Seiten zeigen muß, was letztlich ein Schritt auf ein fernes Menschheitsziel hin ist, das Ziel des androgynen Menschen. Sind die heutigen Phänomene vorbereitende Schritte auf dem Weg zu diesem fernen Menschheitsziel?

H. Seiberth: So weit würde ich noch gar nicht schauen, und es geht auch nicht nur darum, die jeweils andere Seite auszubilden. Denn jetzt hat die Frau zunächst die Chance, wirklich Frau zu werden. Das muß nicht bedeuten, daß die Frau verstärkt ihre männliche Seite entwickelt, sondern kann bedeuten, daß sie ihre frauliche Seite entwickelt. Demgegenüber bedeutet es auch, daß der Mann seine männliche Seite entwickeln darf. Beide Geschlechter haben also die Möglichkeit, sich gegenseitig anzuregen und als Spiegel für die eigene Entwicklung zu dienen. In dieser Auseinandersetzung zum eigenen Frau- bzw. Mannsein kann sich dann etwas Neues ergeben.

Kinder im Strudel der Trennungen

R.H.: Können Sie noch etwas differenzierter darstellen, welche Chancen und Probleme die Veränderungen der Frauen und Männer für die Kinder bringen?

H. Seiberth: Was ich rings um mich beobachte, und was auch die Statistiken aussagen, ist, daß Kinder immer früher in den Strudel der Trennungen geraten. Dadurch entstehen mehr Ein-Kind-Familien mit der Folge erheblicher Sozialisierungsdefizite. Hinzu kommt der Trend der geringen Kinderzahl in den einzelnen Familien. Im Jahre 2001 waren in Deutschland von 38,45 Mio. Haushalten bereits 14,05 Mio. Ein-Personen-Haushalte, 12,90 Mio. waren Zwei-Personen-Haushalte, nur noch 5,50 Mio. Drei-Personen-Haushalte und 4,34 Mio. Vier-Personen-Haushalte. Diese Zahlen zeigen, daß die Kinderzahl enorm zurückgeht und immer mehr Kinder ohne Geschwister aufwachsen.

R.H.: Betrachten Sie das als eine deutliche Verarmungssituation?

H. Seiberth: Ja. Bei den sozialen Kontakten und sozialen Herausforderungen – und zwar bereits im Kindergarten – zeigen diese Kinder ein anderes Sozialverhalten. Einzelkinder fallen einfach auf. Genauso fallen natürlich die Kinder aus größeren Familien durch ihre größere soziale Kompetenz auf, denn sie müssen früh lernen, sich zu behaupten. Ihre Geschwister sind ihnen gute Übungspartner hierfür. Es wird gerne übersehen, daß die affektive oder emotionale Kompetenz die Basis für die spätere kognitive Entwicklung ist. Das ist der Entwicklungspsychologie seit vielen Jahrzehnten bekannt. Nichts in der Welt bleibt ohne Folgen.

Herausforderungen in neuen Formen

R.H.: Immer mehr Frauen arbeiten, es werden immer weniger Kinder geboren, die Großfamilie als Heimat verschwindet zunehmend, die Scheidungsraten steigen, die Sexualität wird zunehmend von der Verantwortung getrennt, die tradierten Formen des Familienlebens lösen sich auf, und die Individualisierung schreitet voran. Deutet dieser vielbeklagte Wertewandel Ihrer Erfahrung nach auf ein neues Bewußtsein – geschärft durch Individuation und Vereinsamung – hin? Ist der Wertewandel auch eine Voraussetzung für “Neuland”? Was erleben Sie davon in Ihrer Arbeit?

E. Kleber: Vor allem stellen wir in allen Richtungen deutliche Verunsicherungen fest. Diese resultieren daraus, daß die neuen Lebensweisen nicht geübt, in keiner Weise vorgelebt sind und jeder seine eigene Lebensart, seinen ganz eigenen Weg finden muß. Ich erlebe diese Verunsicherung weniger im Bereich des Denkens oder im Bereich der physischen Welt, sondern ganz stark in seelischen Überforderungen. Diese Seelenirritationen führen oft zu starken Schwächungen der Persönlichkeit, die sich selbstverständlich auch auf den Lebensorganismus der Familie und die Erziehung der eigenen Kinder auswirken. Auf diesem Feld muß eine neue Sicherheit entstehen. Dafür ist es notwendig zu erkennen, daß auch der Seelenbereich Gesetzmäßigkeiten hat, die vom Bewußtsein ergriffen und geformt werden können. Es geht darum, die Sprache der verschiedenen Seelengebärden deuten und verstehen zu lernen und die Seele in die eigene Form, Führung und Souveränität zu bringen.

R.H.: Ist es nicht eine große Herausforderung, weil es für die neu zu erringenden Fähigkeiten keine Vorbilder und überlieferten Formen gibt und alles neu geschöpft werden muß?

E. Kleber: Auf jeden Fall. So wie sich der äußere Rahmen der Familie zunehmend auflöst, muß der innere Raum neu gebildet, muß geformt und dann aus dem Inneren wieder ins Äußere gesetzt werden. Zur Zeit besteht in unserer Gesellschaft aber die Tendenz, daß im Äußeren gesucht wird, was innen nicht mehr oder noch nicht tragfähig ist.

R.H.: Können Sie mir dazu ein Beispiel nennen, was Sie konkret im Auge haben?

E. Kleber: Mich hat z.B. ein Vater aufgesucht, weil seine Frau ihn mitsamt den Kindern verlassen hatte. Als er plötzlich ohne Familie war, brach sein gesamter Lebenssinn und -zusammenhang zusammen; auch seine Arbeit schenkte ihm keine Erfüllung mehr, obwohl dies zuvor der Fall gewesen war. Er bekam Depressionen, und es begann ein äußerst dramatischer Grenzgang. Und in einem solchen Fall kommt es darauf an, im eigenen Innern einen neuen seelischen Halt zu suchen. Es nützt nichts, sich nach außen zu wenden und einen neuen Inhalt im äußeren Leben zu suchen. Man wird ihn nicht finden, wenn man nicht auf diesem inneren seelischen Grenzgang fündig geworden ist.

Die Familienaufstellung bringt Gewohnheitsstrukturen an die Oberfläche

R.H.: Mich interessiert die Familienaufstellung, die Sie vorhin erwähnten und zu der Sie in Info3 (4/2002) auch einen Aufsatz geschrieben haben. Können Sie bitte Ihre Erfahrungen mit der Familienaufstellung etwas beschreiben? Welche Chancen, welche Gefahren sehen Sie?

E. Kleber: Wir sehen das Familienstellen als eine hilfreiche Methode und Arbeitsweise. Die Familienaufstellung kann ganz besonders seelische Eigenarten in ihren Gewohnheitsstrukturen bewußtmachen und an die Oberfläche bringen. Wir möchten aber betonen, daß wir die Familienaufstellung, wie sie von Bert Hellinger praktiziert wird, nicht einfach kopieren, sondern darauf aufbauend eigene Vorgehensweisen entwickelt haben. Es ist allerdings nur eine der Möglichkeiten, mit denen man Familien Hilfestellung geben kann.

Vor dem Hintergrund der sich immer mehr auflösenden Familienzusammenhänge möchten wir allerdings nicht – wie Bert Hellinger – die Familien in die alten Familienstrukturen zurückführen, sondern wir wenden diese Arbeitsweise an, um bestehende Belastungen erkennen und auflösen zu können und dadurch mögliche neue Lebensformen bewußtzumachen. Wir möchten, daß sich die Menschen darüber klarwerden, was sie mitgebracht haben, wie sie sich in den konkreten Familienzusammenhang hineingestellt haben, wo sie jetzt stehen und was sie für die Zukunft daraus schaffen können. Der Aufstellende wird sich durch das Aufstellungsgeschehen seiner selbstgewählten Aufgaben bewußt und in seiner Entwicklung angeregt. Der Karmagedanke bringt ja die eigene Rolle als Regisseur des individuellen Lebensdramas zum Bewußtsein. Die mit der Inkarnation aufgesuchte Familie ist dafür die Bühne.

Problematik der Familienaufstellung nach Hellinger

R.H.: Können Sie speziell die Gefahren der Familienaufstellung nach Hellinger noch etwas erläutern?

E. Kleber: Das Familienstellen begegnet mancherlei Vorbehalten und Ablehnungen. Nicht nur die möglichen Gefahren werden dabei ins Feld geführt. In anthroposophischen Zusammenhängen werden heftige Diskussionen darüber geführt, ob die Methode aus geisteswissenschaftlicher Sicht vertretbar ist. Der Bezugspunkt in diesen Diskussionen ist in der Regel die über Videos und Bücher verbreitete Arbeitsweise Hellingers. Auf Ablehnung stoßen auch Äußerungen von ihm, die den anthroposophischen Begriffsmustern widersprechen.

Wir vertreten hierzu eine differenziertere Auffassung, die auf der einen Seite die Vorbehalte gegenüber der Arbeitsweise Hellingers weitgehend teilt, auf der anderen Seite jedoch den Blick darauf lenken möchte, daß die familientherapeutische Technik des Familienstellens einen wunderbaren Zugang zu bislang unerschlossen Ursachen für Krankheiten und Befindlichkeitsstörungen liefert.

R.H.: Was erscheint Ihnen an der Art Hellingers problematisch?

E. Kleber: Problematisch sehen wir die große Öffentlichkeit bei den Hellinger-Aufstellungen. Die bei Familienaufstellungen erscheinenden intimen Zusammenhänge erfordern nach unserer Erfahrung einen gebührenden Schutz in einer kleinen Gruppe von Menschen. Die von Hellinger beschriebenen Ordnungen der Liebe haben in manchem einen mosaischen, alttestamentarischen Charakter. Die kategorische Feststellung Hellingers, die Individualseele sei eine Illusion, der Mensch sei Teil einer Gruppenseele, geführt durch das Gewissen der Gruppe, beschreibt eine Phase der Bewußtseinsgeschichte der Menschheit, die für den modernen Menschen nicht mehr zutrifft. Die Art des Umgangs Hellingers mit erwachsenen Klienten erscheint oft autoritär und unangemessen väterlich. Gefahren sehen wir in der nicht erkennbaren Vor- und Nachbereitung der Aufstellenden.

Notwendige Vor- und Nachbereitung

R.H.: Führen Sie in jedem Fall mit den Menschen, die eine Aufstellung bei Ihnen machen wollen, ein Vorgespräch? Was geschieht in dem Vorgespräch?

E. Kleber: Ja. Das Vorgespräch ist obligatorisch, das individuelle Nachgespräch findet auf Wunsch des Klienten statt. Im Vorgespräch wird die psychische Situation des Aufstellenden erkennbar. Gemeinsam wird die Familiensituation in einem Panorama zeichnerisch erfaßt und die Frage, die den Ausgangspunkt für die Aufstellung bilden soll, sorgfältig erarbeitet. In der Darstellung des Familiensystems kommen wiederkehrende Konstellationen, Besonderheiten, Krankheiten und Tode, Kinderfolgen, Abtreibungen, Unglücksfälle, Konfliktlinien und -themen und tradierte Gewohnheiten ins Bild. Sie geben Gelegenheit, auf mögliche Belastungen hinzuweisen.

Im Nachgespräch werden die aufgetretene Dynamik, die erlebten Aufstellungsbilder und die sich daran anschließenden Fragen vorsichtig bewegt. Die Dramatik des Aufstellungsgeschehens muß verkraftet werden. Das Gespräch darüber hilft, den sich darin zeigenden Lernauftrag bewußt zu machen. Der Aufstellende erfährt eine sorgfältige und aufmerksame Betreuung und Begleitung bei der Auswertung des Erlebten, dem kreativen und konstruktiven Umgang damit und der Formulierung der möglichen individuellen Lernziele und -schritte. Eine bestehende akute Psychopharmaka-Belastung, Drogenmißbrauch, eine schwache Persönlichkeitsstruktur oder akute psychische Belastungen können eine Aufstellung ausschließen.

Die Bilderfolgen werden durchgearbeitet

R.H.: Können Sie beschreiben, wie Sie konkret mit der Familienaufstellung vorgehen?

E. Kleber: Wir unterscheiden Aufstellungen mit einzelnen Klienten im Rahmen einer Beratung, Familienaufstellungen in einer Gruppe und Organisationsaufstellungen in Unternehmen mit Führungskräften oder mit Kollegien von Einrichtungen wie z.B. einer Schule oder einem Kindergarten. Familienaufstellungen erfordern bei uns ein Vorgespräch an einem dafür vereinbarten Termin, bei dem die oben beschriebenen diagnostischen Schritte gemeinsam gegangen werden. Der Aufstellende zeichnet am Flipchart das Genogramm seiner Gegenwarts- und Herkunftsfamilie und schildert die Frage, mit der er eine Aufstellung wünscht. Die Aufstellungen selbst finden mit 10–20 Teilnehmern statt. Für eine Aufstellung rechen wir mit 1.1/2–2 Stunden.

Für jede Aufstellung wird die ernste und aufmerksame Einstimmung mit einem kleinen Ritus vorbereitet. Der Aufstellende erläutert danach das Genogramm, schildert seine Frage und stellt die Stellvertreter für die vom Aufstellungsleiter vorgeschlagenen Familienmitglieder auf. Aus den Anwesenden Teilnehmern wählt er dafür ihm geeignet erscheinende Personen aus, bittet sie in die Rolle des Stellvertreters bzw. der Stellvertreterin und stellt sie im Raum so zueinander auf, wie es für ihn stimmig erscheint. Aus dem entstehenden Bild der Zuordnung der Stellvertreter in ihren Rollen zueinander werden bereits etliche im aufgestellten Familiensystem gegebene Muster erkennbar. Die Stellvertreter werden nacheinander vom Aufstellungsleiter gebeten, ihre in der Rolle auftretenden Gedanken, Empfindungen und Willensimpulse zu schildern. Im Prozeß der Aufstellung nimmt der Aufstellungsleiter Umstellungen vor, um das Bild in Richtung der “Ordnung” zu entwickeln. Sind die Bilderfolgen so durchgearbeitet, daß alle Spannungen und Dissonanzen gelöst sind, ist die Aufstellung abgeschlossen.

Anthroposophischer Erklärungsversuch

R.H.: Welche Erklärungsmuster bietet die Anthroposophie für die in der Familienaufstellung auftretenden Phänomene?

E. Kleber: Wir haben in dem von Ihnen schon erwähnten Artikel in Info3 versucht, die Erlebnisweise bei der Familienaufstellung mit geisteswissenschaftlichen Begriffen zu schildern. Wir sehen die Vorgänge so: Die Stellvertreter kommen in Kontakt mit dem Gewohnheitsleib (Ätherleib) und dem Gefühlsleib (Astralleib bzw. Seelenleib) des Familiensystems bzw. der Person, für die sie “stehen”. In der Aufstellung wird dadurch das im Familiensystem Wirksame abgebildet. Die Wahrnehmungen treten als Leibempfindungen, als Stimmungen und Gefühle, als Vorstellungen und Impulse im Lebens- und Empfindungsleib des Stellvertreters auf. Insbesondere die unteren Sinne, die Willenssinne (Tastsinn, Lebenssinn, Bewegungssinn, Gleichgewichtssinn), und die oberen Sinne, die Erkenntnissinne (Gehörsinn, Sprach- oder Wortsinn, Gedanken- oder Begriffssinn, Ich- bzw. Ichwahrnehmungssinn), sind dabei beteiligt.

R.H.: Welcher Sinn ist vor allem beteiligt? Und wie tritt er in Aktion?

E. Kleber: Der Lebenssinn scheint uns vorrangig involviert, er vermittelt die Wahrnehmung der eigenen Leiblichkeit. Aber auch der Tastsinn, der Bewegungssinn und der Gleichgewichtssinn sind betroffen. Die Wirkung des vom Stellvertreter mit dem Lebenssinn wahrgenommenen Ätherischen des aufgestellten Familiensystems bzw. der jeweiligen Person irritiert. Die Irritation leuchtet als Stimmung im Astralleib auf. Der Lebenssinn teilt gewöhnlich dem Menschen die Stimmung mit, in die er bei den physiologischen Vorgängen seines Körpers gerät. Das Unbestimmte, das wir im täglichen Leben die “Stimmung” nennen, ist eng verknüpft mit dem Lebenssinn.

Jetzt nimmt der Stellvertreter mit dem Lebenssinn die in seinem Ätherleib erzeugte Störung wahr, die von der Berührung mit dem Ätherischen (dem Gewohnheitsleib) und dem Astralischen (den tradierten und vererbten Neigungen und Abneigungen, Gefühlen und Leidenschaften) des aufgestellten Systems bzw. der aufgestellten Person herrühren. Die auftretenden Körperempfindungen, Vorstellungen müssen von eigenen Resonanzen und mitgebrachten Stimmungen unterschieden werden. Das gelingt unterschiedlich gut. Die auftretenden Vorstellungen, Empfindungen und Willensimpulse müssen dann mit Hilfe der oberen Sinne, den Erkenntnissinnen, “übersetzt” und in das Bewußtsein gehoben werden.

Von den mittleren Sinnen, den Gefühlssinnen (Wärmesinn, Geschmackssinn, Geruchssinn, Sehsinn), scheint uns ausschließlich der Wärmesinn betroffen. Wärme- und Kälteempfindungen werden von den Stellvertretern regelmäßig beschrieben.

Der Aufstellungsleiter muß mit dem Code vertraut sein, der ihm erlaubt, das Auftretende zu übersetzen. Ein auftretender Kloß im Hals deutet beispielsweise auf Sprachlosigkeit, Trauer oder die Unfähigkeit des Ausdruckes; empfundene Enge und Atemlosigkeit auf unterdrückte Lebensimpulse, ein steifer Nacken auf von anderen ausgeübten Druck, Kälteempfindungen auf Belastungssignale, Wärmeempfindungen auf einen gesunden Lebens- und Liebesstrom, das Gefühl, keine Beine zu haben, auf zu große Belastungen und Überforderungen.

Auf der Bühne des Lebens

R.H.: Woran erkennt der Aufstellungsleiter die zu bearbeitenden Fragen? Woran orientiert er sich?

E. Kleber: Die Mitteilungen der Stellvertreter über ihre Wahrnehmungen und die auftretenden Spannungen zwischen den Akteuren bieten dem Aufstellungsleiter Hinweise für zu Bearbeitendes. Die Stellvertreter werden befragt und angeleitet, das Geschilderte in einen neuen Kontext zu stellen, der geprägt ist von Klarheit, Offenheit, Ehrlichkeit, Achtung, Anerkennung, Verzeihung, Wertschätzung, von Ausgleich und Dank, Demut und Zuneigung, Ordnung und Neuordnung. Auf der Bühne des Lebens, dessen Akteure die aufgestellten Familienmitglieder sind, werden Szenen nachgespielt und Verhältnisse ins Bild gesetzt. Dabei wird Unrecht als solches angesprochen, zugefügtes Leid benannt, Enttäuschung formuliert, Flucht und Vertreibung konstatiert, kurz: Die ganze Vielfalt des Lebens erscheint in Ausschnitten auf der Bühne der Aufstellung.

Notwendige und mögliche Verhaltenskorrekturen werden eingeübt und ihre Wirkung geprüft, Entschuldigungen werden ausgesprochen und zu Unrecht getragene Lasten z.B. mit einem schweren Stein symbolisch zurückgegeben, Ungeordnetes in Richtung Ordnung bewegt. Die Prinzipien der Ordnung sind aus dem kulturellen Kodex gewonnen, der grundlegende soziale Normen und Regeln beschreibt. Für uns sind es Grundmuster der moralischen Entwicklung, wie sie z.B. in Lawrence Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung als universelle Werte beschrieben sind.

Hellingers “Ordnungen der Liebe” enthalten überwiegend aufschlußreiche und einsichtige Prinzipien, die von jedem nachzuvollziehen sind. Dazu gehören die Bindung, die als Zugehörigkeit zur Ursprungsfamilie erlebt wird, der Ausgleich von Geben und Nehmen, der für gesunde Beziehungen Ebenbürtigkeit voraussetzt, die in Mutter/Sohn- oder Vater/Tochter-Beziehungen nicht gegeben ist, das Geben durch die Eltern und das Nehmen durch die Kinder, das Ehren der Geber und deren Gaben, die Rangfolge in der Familie von dem Frühgeborenen zu dem Spätgeborenen, also von oben nach unten, und die Störungen der Ordnung zwischen Eltern und Kindern, wenn z.B. die Kinder aus Liebe für die Eltern etwas tragen, was zum Schicksal und zur Würde der Eltern gehört und dadurch die Kinder geben und die Eltern nehmen.

Symbolische Wiederherstellung der Ordnung

R.H.: Was ist das Ziel der Aufstellung?

E. Kleber: Kommen solche Ordnungsprinzipien in einer Familie nicht zur Geltung, entsteht Unordnung. Ziel der Aufstellung ist die symbolische Wiederherstellung der Ordnung. Die Mißachtung der zwischenmenschlichen und zwischen den Generationen zu pflegenden Grundwerte und -haltungen verursacht in einem Familiensystem Störungen, die meist tradiert werden und über Generationen hinweg Ursache für gravierende Belastungen sein können, bis hin zu schweren Krankheiten und Suizidneigungen.

R.H.: Bei Hellinger werden die Beteiligten ziemlich kurz abgefertigt. Haben die Aufstellenden Gelegenheit, zum Aufstellungsgeschehen Fragen zu stellen?

E. Kleber: Ja. Wir achten auf den Gesprächsbedarf, der freilich verschieden ist. Die eine Aufstellung ergibt klare Bilder und einen Verlauf, der für sich spricht und kaum Fragen offen läßt. Eine andere löst viele Fragen aus. Wir versorgen das individuell, je nach dem Grad der Eindeutigkeit und Klarheit und nach dem Bedürfnis des oder der Aufstellenden. Regelmäßig führen wir ein Nachgespräch zur Aufstellung.

R.H.: Sie meinen jetzt ein Nachgespräch in der Gruppe?

E. Kleber: Ja, das Nachgespräch findet in der Gruppe statt. Für die Tage und Wochen nach der Aufstellung bieten wir Einzelgespräche an, in denen die Erlebnisse und ihre Folgen, die Reaktionen der Stellvertreter, die oft verblüffende Übereinstimmung der Sprache, Gesten und Gebärden mit den Familienmitgliedern und die gewonnenen Einsichten und der mögliche Umgang mit ihnen besprochen werden. Regelmäßig laden wir die Aufstellenden ein, uns nach einiger Zeit etwas über die Wirkung der Aufstellung zu erzählen. Dabei werden viele erstaunliche Folgen berichtet. Es lohnte, darüber sorgfältige Studien durchzuführen.

Die Partnerschaft als Lebensschule

R.H.: Welche zu erringende Fähigkeit ist heute im Hinblick auf die Familie besonders aktuell?

E. Kleber: Eine der wesentlichen zu erringenden Fähigkeiten ist die Souveränität der Persönlichkeit, die die Grundvoraussetzung ist, um an sich selbst verändernd zu arbeiten. Sie gibt die Sicherheit, die notwendig ist, um sich zu entwickeln und um eine Familie zu bilden.

R.H.: Welche Lebensbedingungen brauchen Familienmitglieder, um miteinander zu wachsen und nicht miteinander zu veröden?

H. Seiberth: Eine Partnerschaft kann mit dem gründlich empfundenen Begriff des Schulungsweges auf eine tragfähige Grundlage gestellt werden. Fehlt das Bewußtsein für diese alchemistische Aufgabe, führt die zunehmende Individualisierung zu immer kürzeren “Halbwertzeiten” einer Partnerschaft. Ein Autor bringt es in das Bild eines hochansteckenden Trennungsvirus, der offensichtlich grassiert. Die Herausforderungen in den Blick zu nehmen heißt, die Ehe bzw. die Partnerschaft als eine Lebensschule zu entdecken, die vom höheren Ich organisiert wird, um die Verwandlung der eigenen Schattenqualitäten, die eigene Ich-Entwicklung zu ermöglichen. Dann kann auch eine gewisse Immunität gegenüber dem Trennungsvirus ausgebildet werden.

Anthroposophisch sprechen wir in diesem Zusammenhang von der Verwandlung der eigenen Seelenglieder – der Empfindungsseele, der Verstandesseele und der Bewußtseinsseele – durch die Ich-Kräfte und der damit verbundenen Ausbildung der höheren menschlichen Wesensglieder, zunächst des Geistselbst. Wenn es gelingt, den Partner auf die Herausforderung zur Verwandlung und Entwicklung aufmerksam und neugierig zu machen, sei es durch eine Beratung oder das Studium von Literatur, durch Vorträge oder Arbeitsgruppen, erscheint das Mysterium der Partnerschaft als moderner Einweihungsweg. Die persönliche Entwicklung verändert nicht nur die Voraussetzungen und Möglichkeiten für die Bewältigung des Alltags. Sie öffnet auch den Blick für eine Zuwendung zur Welt in Liebe, die für das Persönliche nichts erreichen will.

R.H.: Welchen “Übkatalog” empfehlen Sie hierzu?

H. Seiberth: Auffällig ist, daß in unserer Kultur allgemein der Schmerz gemieden wird. Man muß aber lernen, den Schmerz, der in einer Partnerschaft entsteht, als etwas Wertvolles zu achten. Unsere ganze Welt ist auf Schmerz gebaut, und das Leiden zeigt immer den Beginn einer Entwicklung. In einer Partnerbeziehung kann man lernen, auftretende Schmerzelemente anzunehmen und den Schmerz nicht in der Begegnung mit dem anderen zu scheuen.

Dann kann auch ein anderer Umgang mit Verhaltensweisen des Partners erlernt werden, die auf seinen unverwandelten Anteilen beruhen, die seinem Schatten, seinem sogenannten Doppelgänger entspringen. Durch die Begegnung mit dem Doppelgänger des anderen erst kann ich lernen, auf meinen eigenen Schatten zu achten, auf meine unverwandelten Anteile aufmerksam zu werden. Das eröffnet den Blick für die Arbeit an mir selbst, und ich unterlasse es, den anderen ständig verbessern zu wollen.

Die Elemente für eine zukunftsfähige Partnerschaft

An dieser Stelle geben wir eine ganze Menge von Tips und Methoden, wie man mit den Doppelgängerphänomenen umgehen kann. Wir empfehlen den Partnern eine fünfstufige Technik, die die Elemente der täglichen Wertschätzung in sich birgt. Dazu gehört z.B., daß jeder dem anderen einmal am Tag etwas Wertschätzendes mitteilt, also was er an ihm schätzt. Das zweite Element ist, dem Partner regelmäßig aus dem eigenen Erleben zu erzählen. Das dritte sind die sogenannten Puzzle-Stücke: Ich frage bei dem anderen nach, was er weiß und was mir fehlt, und umgekehrt liefere ich ihm, was ich weiß und was ihm fehlt. Das vierte Element ist, daß die Kritik, die ich äußere, und die Forderungen, die ich stelle, immer ganz konkret sind. Und zum fünften Element gehören Wünsche, Träume, Hoffnungen, die geäußert und formuliert werden sollten. Wenn man diese fünf Elemente täglich übt, so ist dies ein Baustein für eine zukunftsfähige Partnerschaft.

Ein weiteres Element sind die Ich-Botschaften, wie es bei Friedemann Schulz von Thun heißt. Wir müssen lernen, Ich-Botschaften zu verwenden, d.h. uns selbst offenbaren, unsere persönlichen Gedanken und Gefühle, wir müssen zu einer Offenheit unseres eigenen Handelns und zu einer Verantwortung für unsere Reaktionen kommen. Nicht: Du bist so oder so, sondern: Ich erlebe dich so oder so. Dazu ist es wichtig, in der Kommunikation zwischen Wahrnehmung, Interpretation und Gefühl zu unterscheiden. Was nehme ich vom Verhalten des anderen wahr, was interpretiere ich, was fühle ich? Was veranlaßt mich zu meiner Reaktion? Das Erüben dieses Dreischritts aus Wahrnehmung, Interpretation und Gefühl ist ein weiterer hilfreicher Baustein für eine gelungene Partnerschaft.

R.H.: In diesem Zusammenhang denke ich an das Buch von Marshall B. Rosenberg, “Gewaltfreie Kommunikation”. (“Aufrichtig und einfühlsam miteinander sprechen. Neue Wege in der Mediation und im Umgang mit Konflikten”, Paderborn 2001).

H. Seiberth: Marshall Rosenbergs Gesprächsmethode ist auch eine Grundübung, die wir vermitteln. Sie ist ganz einfach und umfaßt vier Schritte: Wahrnehmungen, Gefühle, Bedürfnisse und Bitten sollen im Gespräch klar ausgesprochen und verstanden werden. Auch hier kommt es zunächst wieder darauf an, die Beobachtungen und Wahrnehmungen nicht mit Interpretationen und Bewertungen zu vermischen, sondern sie einfach den Tatsachen entsprechend zu beschreiben. Als nächstes gilt es, sich über die eigenen Gefühle, die damit einhergehen, klar zu werden, und sie zu äußern. Dann muß man seine Bedürfnisse erkennen und aussprechen. Und schließlich kommt man dazu, seine Bitten konkret und mit treffenden Worten zu äußern. Es lohnt sich, Rosenberg kennenzulernen. Er hat mit seiner pragmatischen amerikanischen Methode Erfolg in vielen Ländern der Welt. Durch seine Methode lernt man, sich aufmerksam selbst zu beobachten und konfliktgeladene Situationen durch die distanzierte Betrachtung zu entschärfen. Das erfordert allerdings viel Übung.

Ein anderes Element ist noch zu lernen, Vorstellungs- und Anschauungslogik auseinanderzuhalten. Existiert ein Problem tatsächlich in der Anschauung, oder stelle ich es mir nur vor? Rund 95 % unserer Probleme bestehen aus Vorstellungen, lediglich ca. 5 % aus konkreter Anschauung. Man muß immer genau prüfen, was man wirklich wahrnehmen kann und was man sich nur vorstellt.

Dem anderen ermöglichen, sich nach seiner Geschwindigkeit zu verändern

R.H.: Sie sprachen vom seelischen Schmerz und brachten ihn in Zusammenhang mit dem Doppelgänger. Können Sie dieses Problemfeld noch anhand eines Beispiels etwas konturieren?

H. Seiberth: Wenn ich mir klarmache, daß es meine freie Tat ist, den Schatten des anderen tragen zu wollen, ausgehend von dem Christuswort “Einer trage des anderen Last”, dann entsteht etwas Reinigendes und Heilsames in der Paarbeziehung. Dazu muß ich den Schatten meines Partners mittragen und ihn in seiner Veränderungsgeschwindigkeit freilassen. Statt von ihm zu verlangen, daß er sich ändert, mich darauf beschränken, mich selbst zu ändern und an der Verwandlung meines eigenen Schattens zu arbeiten. Der Schmerz, der in einer Beziehung entsteht, wenn Schattenanteile aufeinanderstoßen, kann mitunter recht gewaltig sein. Daher ist es eine wirkliche Herausforderung, diesen Schmerz ertragen und auszuhalten zu wollen. Aber erst dadurch wird eine Beziehung zukunftsfähig.

Freilich berechtigt es nicht dazu, dem anderen vorsätzlich Schmerz zuzufügen mit dem Hinweis, das unterstütze ihn in seinem Lernen. Auch darf die Forderung, mich nach meiner Geschwindigkeit ändern zu dürfen, nicht die Nachlässigkeit rechtfertigen. Es geht um das “einander lassen”, das so meisterhaft von Rilke formuliert wurde: “Denn das ist Schuld, wenn irgend eines Schuld ist, die Freiheit eines Lieben nicht zu mehren um alle Freiheit, die man in sich aufbringt. Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies: einander lassen. Denn daß wir uns halten, das ist leicht, und braucht nicht erst gelernt zu werden.” Er scheint durchlebt zu haben, was immer man in einer Paarbeziehung an seelischen Zuständen erleben kann. Sein “Stundenbuch”, die “Sonetten an Orpheus” und die “Duineser Elegien” sind für mich Schulungstexte.

Solcherlei Schulungshinweise finden sich jedoch auch in vielen anderen Traditionen. Der geisteswissenschaftliche Kontext kann mit dem Begriff des Doppelgängers für die Entwicklungsberatung von Menschen und Organisationen eine seelische und geistige Vertiefung bieten, die sehr hilfreich und motivierend sein kann.

Hier, wo Du stehst, ist der Schatz vergraben

R.H.: Aber Rilke hat dann doch um seines Werkes willen die Einsamkeit gegenüber einer Ehe vorgezogen.

H. Seiberth: Rilke hat mit seiner Künstlernatur aus seinen seelischen Erlebnissen den Marmor gewonnen, aus dem er seine Davids meißelte. Und er hat sich Gott sei Dank beharrlich geweigert, eine Psychotherapie zu machen.

R.H.: Weil er gesagt hat, mit meinen Teufeln würde man auch gleichzeitig meine Engel austreiben.

H. Seiberth: Genau. Die Aufgabe ist ja nicht das Austreiben der Teufel, sondern ihre Verwandlung. Rilke hat seinen Teufeln künstlerisch Gestalt gegeben. Wir sind alle Künstler: Der Schatten ist immer unser größter Schatz. Ihn gilt es auszugraben. Du findest ihn nirgends in der Welt, und doch gibt es einen Ort, wo Du ihn finden kannst. Das ist wunderbar geschildert bei Martin Buber in der Geschichte von Rabbi Bunam (“Erzählungen der Chassidim”, Zürich 1949):

“Den Jünglingen, die zum erstenmal zu ihm kamen, pflegte Rabbi Bunam die Geschichte von Rabbi Eisik, Sohn Rabbi Jekels in Krakau, zu erzählen. Dem war nach Jahren schwerer Not, die sein Gottvertrauen nicht erschüttert hatten, im Traum befohlen worden, in der Stadt Prag an der Brücke, die zum Königsschloß führt, nach einem Schatz zu suchen. Als der Traum zum dritten Mal wiederkehrte, machte sich Rabbi Eisik auf und wanderte nach Prag. Aber an der Brücke standen Tag und Nacht Wachtposten, und er getraute sich nicht zu graben. Doch kam er an jedem Morgen zur Brücke und umkreiste sie bis zum Abend. Endlich fragte ihn der Hauptmann der Wache, auf sein Treiben aufmerksam geworden, freundlich, ob er hier etwas suche oder auf jemand warte. Rabbi Eisik erzählte, welcher Traum ihn aus fernem Land hergeführt habe. Der Hauptmann lachte: ‚Und da bist du armer Kerl mit deinen zerfetzten Sohlen einem Traum zu Gefallen hergepilgert! Ja, wer den Träumen traut! Da hätte ich mich ja auch auf die Beine machen müssen, als es mir einmal im Traum befahl, nach Krakau zu wandern und in der Stube eines Juden, Eisik, Sohn Jekels, sollte er heißen, unterm Ofen nach einem Schatz zu graben. Eisik, Sohn Jekels! Ich kann‘s mir vorstellen, wie ich drüben, wo die eine Hälfte der Juden Eisik und die andere Jekel heißt, alle Häuser aufreiße!’ Und er lachte wieder. Rabbi Eisik verneigte sich, wanderte heim, grub den Schatz aus und baute das Bethaus, das Reb Eisik Reb Jekels Schul heißt.

„Merke dir diese Geschichte“, pflegte Rabbi Bunam hinzuzufügen „und nimm auf, was sie dir sagt: daß es etwas gibt, was du nirgends in der Welt, auch nicht beim Zaddik finden kannst, und daß es doch einen Ort gibt, wo du es finden kannst.‘”

In seinem Nachwort zu der Geschichte Rabbi Bunams sagt Martin Buber: Hier wo Du stehst, ist der Schatz vergraben. Der Schatz: mein Unverwandeltes, mein Doppelgänger oder Schatten. Paolo Coelho hat dem Motiv in seinem Alchemisten eine neue Gestalt gegeben.

Ein Leuchten am Horizont

R.H.: Erleben Sie in Ihrer Arbeit auch neue Fähigkeiten, Keimhaftes, was auf eine neue Familienkultur hoffen läßt?

E. Kleber: Wir haben gerade mit dem dritten Ausbildungsgang unser Diplom-Abschluß-wochenende hinter uns. Von diesen 17 Absolventen hat jeder seinen eigenen Weg und sein eigenes Thema vorgestellt. Für mich war es ein beeindruckendes Erlebnis, daß alle Teilnehmer ganz und gar unabhängig und individualisiert ihr Thema gefaßt und vorgestellt haben. Alle hatten sie den Impuls, in die Selbständigkeit zu gehen, ganz gleich, ob sie alleinerziehend sind, eine Familie haben oder selbst in die Beratung eintreten wollen. Bei diesen Absolventen war es erlebbar, daß eine ganz individualisierte Selbständigkeit entwickelt wurde, durch die eine ungeheure Kraft am Horizont aufschien. Mir zeigte dies, daß immer dann, wenn der Mensch seinen ureigenen Impuls gefunden hat, eine Vielfalt von Lebensmöglichkeiten und Farben entsteht, die sich gegenseitig ergänzen. Das war für mich eine Ahnung dessen, was einst in der Zukunft sein könnte.

R.H.: Zielt Ihre Arbeit auch umfassender auf die Zukunft der Menschheit, auf neue Formen des sozialen Lebens?

E. Kleber: Ein Ziel ist, das Wirtschafts- und Familienleben in neuer Art und Weise zu verbinden und zu kultivieren. Ich kann mir z.B. vorstellen, daß die gesamte Vielfalt anthroposophischer Betriebe, Produzenten, Landwirte sich auf einer Art Kongreß darstellt und die Familien, die Verbraucher, dazu eingeladen werden. Dort könnten sich Wirtschafts- und Familienleben begegnen. Und solche Begegnungen könnten in der Zukunft auch zu neuen sozialen Beziehungen und Formen führen, die sich bis in die Architektur und den Städtebau, und damit auf das soziale Miteinander auswirken. In bezug auf die Verbindung zwischen Anbauern und Verbrauchern, zwischen Höfen auf dem Land und Stadtbewohnern, gibt es dazu ja schon an vielen Orten begeisternde Modelle, im weiteren ist es noch Zukunftsmusik. Hier suchen wir noch sehr tastend. Wir bewegen die Frage, was geschehen muß, damit Sozial-, Familien- und Wirtschaftskultur sowie die Dreigliederung des sozialen Organismus stärker ins Leben kommen können und wie wir dazu beitragen können.

Andere mögliche Entwicklungen sehe ich in der Vernetzung sinnstiftender Initiativen. Menschen im Rentenalter, die bei guten Kräften sind, können junge Familien mit vielfältigen Fähigkeiten unterstützen. Jugendliche finden über die IT-Branche den Kontakt mit Initiativen wie dem “Unternehmen Lichtblick”, einer sinnstiftenden Jugendbewegung, die eine mit allgemeinmenschlichen Idealen und Werten verknüpfte Infrastruktur schaffen möchte zum Austausch, gegenseitigen Helfen, gemeinsamen Projekten und Tagungen sowie Festivals und Ähnlichem. Ich bin sicher, daß die Jugendlichen auf die Verschärfung der sozialen Disparitäten, auf die weltwirtschaftliche Ungerechtigkeit und den sinnlosen Verbrauch der natürlichen Lebensgrundlagen mit phantasievollen Initiativen reagieren werden. Hier werden in naher Zukunft vielfältige Formen des sozialen Lebens entstehen. Mit solchen Initiativen auf dem Gebiet der Sozial- und Familienkultur wollen wir uns gerne verbinden.

R.H.: Was läßt Sie auf solche Entwicklungen hoffen?

H. Seiberth: Eine Dimension, die mit unserer Arbeit verbunden ist, zeigt sich im Bild des Gärtners. Beruflich bin ich auch Gärtner, deshalb kann ich gut über dieses Bild sprechen. Die Arbeit des Gärtners verbindet sich mit meiner jetzigen Tätigkeit. Als Gärtner weiß ich, daß aus winzig kleinen Samenkörnern große Bäume entstehen können. Eigentlich ist es unvorstellbar, angesichts eines kleinen Samenkorns, daß daraus ein riesiger Baum entstehen kann. In diesem Sinne pflanzen wir mit unserer Akademie Samen in die Welt, die dann an anderen Orten in vielen Lebensgärten hoffentlich aufgehen, wachsen, gedeihen, blühen und Früchte tragen können. Wir rechnen mit dem Licht des großen Gärtners – dessen, den die Maria Magdalena für den Gärtner gehalten hat –, das solche Entwicklungen beleuchten wird.

 

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